Karlheinz Schweitzer, Johann Jährig

 

Auf einem Basar in der chinesischen Provinz Sinkiang lässt Zoltán Kmetty sich ein Buch aufdrängen. Es enthält die Aufzeichnungen von Johannes Jährig, eines verkannten deutschen Mongolenforschers des 18. Jahrhunderts. Jährig erzählt seine Wanderschaft von Büdingen an die Wolga, wo die buddhistischen Kalmücken missioniert werden sollen. Wegen einer Liebesaffäre mit einer Heidin wird er von den Mährischen Brüdern ausgeschlossen und tritt in die Dienste der zaristischen Akademie der Wissenschaft in Sankt Petersburg. Neben wissenschaftlichen Berichten schreibt er sein Tagebuch, was Kmetty über ein Jahrhundert später in den Händen hält. Kmetty ist mit dem Geheimpolizisten Radnaa unterwegs, der ihn eigentlich nach Peking bringen sollte, aber überraschend den Weg nach Westen einschlug. Der Gefangene und der Polizist werden langsam Freunde und entziffern unterwegs Schritt für Schritt Jährigs geheimnisvolles Tagebuch. Wohin aber führt ihre Reise?

Ein packender Roman über Wege in der Fremde, die Gedankenwelt des Ostens und des Westens, über das Schicksal deutscher Auswanderer an der Wolga und die Wissenschaft im Zwielicht der Aufklärung und nicht zuletzt über wunderschöne Frauen.

JOHANN JÄHRIG
(Leseprobe)

Gegenüber der Haseninsel, 1774


»Sakrament! Dieses verdammte Gesindel! Pharisäerbrut! Canis vulva!« Der Schwarzgekleidete fuchtelte mit dem Vorderlader. »Nicht lang gefackelt!«, krächzte er und zog den Hahn durch. Der Schuss donnerte los.
»Gleich wieder geladen!«, feuerte er sich an. »Ungeschoren sollen mir die Hunde nicht davonkommen. Wäre ich ihnen in die Finger gefallen, hätten sie mich geteert und gefedert ... ihrem Gott der Liebe Hymnen getrötet ... mich schließlich in Ketten von den Lakaien der Zarin nach Kamtschatka schleppen lassen. Verfluchte Bastarde ... wenn mich nur jemand übersetzen würde ... weit und breit kein Boot!«
Ungeschickt ließ der Hundescherer Pulver in den Lauf rinnen und hantierte dann mit dem Stopfer.
»Mit den Aufständischen bin ich im Bunde. Mir nichts, dir nichts brechen sie den Stab über einen rechtschaffenen Menschen. Noch dazu in Abwesenheit! Gut, dass Sergej mich gewarnt hat. Nur weil ich versucht habe, die lächerliche Festung Gottes in der Steppe zu retten, heißt es jetzt, Jährig ist ein Bündischer! Wir haben ihn verbannt, und er ist mit den Aufrührern zurückgekommen, als Brandstifter! Habe ich denn das Elendsnest an allen vier Enden angezündet? Retten wollte ich, was zu retten war! Was kann ich dafür, wenn der Pöbel die Apotheke plündert und Feuer legt? Haben Heuschrecken nicht schon größere Schäden angerichtet? Bigotterie ... Wer ohne Sünde ist … das glauben die Mistdrosseln in ihrer Vermessenheit … waschen ihre Dreckspfoten in Unschuld! Unzucht mit unsauberen Weibsbildern. Pah! In ihren schwülen Träumen haben sie es jede Nacht mit Sukkuben und Inkuben getrieben. Nicht genug damit … Weil der Herr Vorsteher mal wieder ein Exempel statuieren will. Jährig ist ein unersättlicher Satyr und Meuterer, Punktum!«
Abgerissene Klamotten flatterten, wie die Flügel eines gichtigen Raben. Halb nackte Heidenkinder waren im Gänsemarsch hinter ihm her durch das Schilf ans Ufer geschlichen. Vergeblich bedeuteten sie dem Manne, still zu sein. Auf der Pirsch durfte man nicht einmal flüstern. Das wusste jedes Kind. Doch der Rabe zeterte ohne Unterlass. Deutsche Wörter hatte die Kinderschar hier und da aufgeschnappt, und wenn man sie richtig verknüpfte und die Lücken richtig füllte, war das Rätsel leicht gelöst. Sprachen der Menschen und der Tiere, Spuren und Zeichen waren klugen Steppenkindern geläufig. Schnell waren sie einig, dass es um keine wichtige Angelegenheit ging. Eben die alte Geschichte. Die Flinte spuckte schon wieder eine Kugel donnernd auf den Wasserspiegel und schreckte dort faule Entenvögel auf, die empört schnatternd ein paar Arschin zur Seite flogen.
»Sicher zu wenig Pulver, Sakra!«
»Hab ich doch gesagt, dass er nicht jagt. Er knallt doch nur in die Luft!«
»Schießt in den Himmel wie ein Gellong«, nörgelte Tschimid. Dava winkte überlegen ab.
»Auf die Turmuhr zielt er ...«
»Nein, auf die Windmühle!«
»Den Weg hätten wir uns sparen können. Wie unser Schmied, wenn sie ...«, begriff Otschir, als wieder eine Kugel losflog und ins Wasser platschte. Pulver stopfen, dann kam die nächste Kugel. Feste stopfen! Die Jungen murrten.
»Schade um die Kugeln!«
Kann man von einem Popen etwas anderes als seltsame Dinge erwarten? Zur Ehre des unverständlichen, dreiteiligen und doch einigen Gottes.
»Lass mich schießen, Gospodin Yerig«, bettelte Otschir, während er dem Raben einen abschätzigen Blick zumaß und sich mit großer Geste die Fuchspelzmütze seines Vaters ins Genick schob.
»Warum schießt du denn in den Himmel? Schade um das Pulver«, warf Galsan ein und langte nach der Waffe.
»Ich schieß dir sogar Fische und böse Schildkröten.«
Unmutig schüttelte der Rabe die Quälgeister ab.
»Sapperlot! Habe ich Grund, mich zu wundern? Ehre die Kleingeister noch damit, dass ich unnütz Blei und Pulver in die Luft jage! Sei’s drum, noch einen Schuss Salut!«
Die Kinder seufzten. Nichts zu machen. Dem Manne war nicht zu raten. Schießen ließ er sie auch nicht. Das war langweilig, wie die Zeremonien der Alten, wenn sie mit Pfeilen auf die Sonne schossen. Barer Unsinn, das wusste jedes Kind, doch sie taten dabei immer ernst und geheimnisvoll. »Wenn ihr groß seid, werdet ihr alles verstehen! Und jetzt aus dem Weg!«
»Kommt! Später werden wir das alles verstehen«, knurrte Otschir zynisch. »Später werden wir verstehen, ob der Missionar auf Geister schoss, auf unsichtbare Feinde oder nur blindlings, aus Wut auf sich und die Welt. Dabei hätte jeder von uns gewusst, was zu tun war.«
Die Kinderschar brummte zustimmend.
»Nicht einmal schießen hätte er müssen. Schon gar nicht treffen ... Warum hat er den Mut nicht aufgebracht? Zugreifen, sich eine Weile vor den Verfolgern verstecken und dann zurückkehren. Das ist nur wie ein Spiel, bei dem nie jemandem ein Haar gekrümmt wurde. Danach hätte der Hüter der Vergangenheit nachgeben müssen. Was seit Anfang der Zeit ist, kann selbst er nicht ändern.«
Die Steppenkinder trollten sich, suchten bessere Ablenkung. Wenn der Deutsche wenigstens Enten schießen würde, wäre das ein Spaß. Aber so? Unterdessen nahm der Missionar erneut die Kirchturmspitze ins Visier und brüllte: »Da habt ihr’s, ihr Wundenbienenlein und Lammesbräute. Kreuzluftvögelein, die im Blute des gekreuzigten Heilands baden. Seid dem blutigen Seitenloch des gehangenen Gottes empfohlen ... Himmelherrgott ... Bigotte Bastarde …«

Hami, 1979

Tien Fongjü rekapitulierte katzenjämmerlich die Reste seines mangelhaften Schulwissens und die wenigen englischen Vokabeln, die ihm ein ferner Kurzwellensender beigebracht hatte, um sich des ordnungsgemäßen Zustands seines malträtierten Hirngekröses zu vergewissern.
»Nun denn ... Jawohl, Herr Lehrer! Im Jahre 7267 nach der Erschaffung der Welt besiegt General Tschao Hui die Dsungaren, lässt eine Million Rebellen hinrichten und befriedet den Landstrich vor der Mauer zur Zufriedenheit des Kaisers ... der Edle hält sich an Mitte und Maß, die goldene Mitte. Jetzt ist alles Mittelmaß. In den alten Zeiten ... wo sind sie nur geblieben? ... als die Herrscher den Weg kannten, war unser stolzes Städtchen eine ersehnte Oase an der bedeutendsten Handelsstraße des Reiches«, deklamierte er feierlich. »Die Karawanen aus dem Westen hatten glücklich den halben Weg von Urumtschi zum Tor der Großen Mauer zurückgelegt und verschnauften bei uns.«
Zusammengekauert wie ein bibberndes Eichhörnchen hockte er im Halbdunkel, massierte vorsichtig seinen stoppeligen Schädel. Er ließ die schweren Augenlider zuklappen und sah seinen Laden in den Kupfervitriolblaustich getaucht, den man von den grobkörnigen Druck-Erzeugnissen des Staatsverlages gewohnt war. »Aua! Mein Hirngekröse! Quatsch! Schwer ist es, unentwegt in der Mitte auszuharren. Alles Quatsch! Heutzutage ist Hami ein ödes Provinznest. Eins von tausend miserablen Miststädtchen, Staubnestern, ein widerwärtiges, elendes Kaff, das kein vernünftiger Reisender sehnsüchtig erwarten kann. Überhaupt: welche Reisenden? Wer erinnert sich noch an die letzte Karawane? Nur alle Schaltjahre verirrt sich ein westlicher Teufel hierher. Und dann ist es nicht einmal sicher, dass seine riesigen Füße ihn vom Hotel zum Basar tragen. Man müsste unverzüglich wegziehen. Am besten in die Hauptstadt. Nach Peking – Bädschi, wie die Barbaren sagen ... Ja, wenn man das nur dürfte. Hier ist kein Geschäft mehr zu machen. Nur unsere glorreiche Vergangenheit, Geschichte haben wir. Ha! Märchen haben wir in der Schule gelernt. Marco Polo, der weiße Nasenaffe, hat bei uns zu viel köstliche Melonen gefressen und furchtbare Bauchschmerzen bekommen. Stolz hat der Lehrer uns das wohl hundertmal erzählt. Jedenfalls stand das in dem Buch des fremden Teufels ... Das hat er aufgeschrieben! Was die alles aufschreiben. Wenn ich auch alles aufschreiben wollte. Wen würde das interessieren? Vielleicht nicht einmal den Geheimdienst oder die ewig neugierigen Parteigenossen. Bin doch nur ein kleines Licht ... Soll ich aufschreiben, dass ich einen hundsgewaltigen Kater habe? Unsinn. Recht ist der Langnase geschehen. Da sieht man’s, die Langnasen vertragen eben nichts, nicht einmal unsere Melonen. Wahrscheinlich hat er gierig die Kerne mitgefressen. Wenn er aber erst einen Hund oder ein Chamäleon verspeist hätte oder eine Delikatesse aus dem Süden. Warum bleiben die nicht, wo sie geboren sind? Kein Wunder, dass man in der Fremde Bauchschmerzen bekommt. Wenn sie nicht in den Basar kommen, können sie mir gestohlen bleiben.« Tien Fongjü spuckte aus, verfehlte aber den Napf neben der Tür. Reumütig gelobte er, bei den Geistern der Verstorbenen, mit dem Trinken, ein für alle Mal, Schluss zu machen.
Ein schweres Unwetter war über Hami hinweggebraust und hatte das Städtchen unversehrt aus seinen Klauen gleiten lassen. Hatte nur ein wenig gespielt. Wie eine ordentliche Hausfrau im Vorbeigehen den Staub von einer Glaskugel pustet. Tien Fongjü hatte aus Vorsicht die Tür und die Fensterläden nicht geöffnet, denn er befürchtete, das gnadenlose Licht des neuen Tages könnte ihn auf der Stelle töten. Hinter einem Regal hatte er eine Flasche Mau Tai deponiert. Da musste noch ein Schluck drin sein. Er hatte sich nicht getäuscht. Der Schluck rann feurig in seine trockene Kehle. Teufel, jetzt war gleich das Schlimmste überstanden. Mit zitternden Händen kramte er aus der Jackentasche – statt der Zigaretten – eine zerknüllte Zeitung. Woher er die wohl hatte? Daran konnte er sich überhaupt nicht mehr erinnern. Hatte er dafür sein letztes Geld ausgegeben? Er glättete die Seiten, kniff die Augen zusammen und versuchte, die tückischen Zeichen, die vor seinen Augen herumschwammen, zu entziffern. Außer dem gestrigen Datum erkannte er nichts. Er verschob die Lektüre, bis sich die Zeichen würden beruhigt haben. Es kam ohnehin kein Mensch in den Laden. Da hatte er Muße und konnte Stunden damit verbringen, die Zeitung zu studieren.
Wehmütig blickte er sich in der Bude um, die er von seinem Vater geerbt hatte. Tien führte die Familientradition der Erfolglosigkeit fort. Tapfer, wie es sich für den Erstgeborenen gehörte. Ohne Murren war er in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Was auch sonst? Er hatte keine großen Ambitionen. Auf den Regalen verstaubten die Schätze: Porzellanfiguren, fliehende Hirsche, Jäger zu Fuß, brunstvoll fickende Ricken und rennende Jagdhunde. Darunter gab es in Schachteln und Dosen Schlangenzähne, am Stück oder zu Pulver zerrieben, Felle aller Art, Farbe und Herkunft, Zinkhunde, ukrainische Briefbeschwerer mit in Glas gegossenen bunten Plastikrhabarberblättchen, Flaschen mit zerriebenen Schildkrötenpanzern und schwarze Lackschachteln, in allen Größen – öffnete man sie, steckte darin eine kleinere, in der kleineren eine noch kleinere, genauso wie in der kraftstrotzenden russischen Puppe neben ihnen. Das Prachtstück war eine Porzellanlangnase im Wettlauf mit einer Porzellanschildkröte. »Was denen alles einfällt!« Die Geschäfte gingen miserabel. Auch die wenigen nützlichen Dinge wie Teekannen und Trinkschalen blieben Ladenhüter, nicht nur die lieblos gefälschten Drachenzähne. »Schwere Zeiten haben schon Generationen meiner Vorfahren beklagt. Die Zeiten werden sich nie bessern.«
Nicht nur unüberwindliche Trägheit fesselte Tien Fongjü an sein Geschäft. Er war schlichtweg einfallslos und konnte sich keine andere Beschäftigung vorstellen. Mit etwas anderem Handel zu treiben, hatte er keine Lust, geschweige denn morgens, wenn die Sirene ertönte, sich auf ein Fahrrad zu schwingen, in die Fabrik zu radeln und dort zu buckeln oder den ganzen Tag in einem Büro zu hocken und den gehorsamen Affen zu spielen. Doch wenn keine Besserung eintrat, würde der Ruin ihn aus der Lethargie reißen. Die Sklaverei, einem Herrn zu dienen, sich von Kleingeistern herumkommandieren lassen, hielt er für das größte Unglück. Bevor es ihn ereilte, würde er bei allem Widerwillen dieses Unglücksnest verlassen, über die Berge verschwinden und dort als Räuber oder Schmuggler leben müssen. »Nun ja ... nur nichts überstürzen«, dachte er, »vielleicht geht doch alles gut.« Das Denken bereitete Kopfschmerzen. Er musste sich ablenken. Lustlos nahm er sich wieder die Zeitung vor, die Zeichen hatten sich inzwischen beruhigt, und studierte gelassen die Nachrichten. Wahrscheinlich das Übliche. Die Siege, die Fortschritte, die zahllosen sozialistischen Errungenschaften. Zu Tiens Überraschung berichtete die Zeitung über den Sandsturm, der seinen Kater verursacht hatte. Sonst herrschte in der Zeitung doch immer eitel Freude und Sonnenschein. Schon Tage vor dem Sturm hatte Tien Fongjü die Vorboten des Unglücks gespürt und alles Geld gegriffen, aus der riesigen Registrierkasse, deutsche Wertarbeit, die sein Vater vergeblich versucht hatte, an den Mann zu bringen. Klingt gewaltig, das ganze Geld. Gerade mal zehn Yuan hatte er zusammengerafft, schnell die Fenster geschlossen und sich mit eiligen Tippelschritten auf den Weg in die Kaschemme gemacht. Wenn sie nur nicht die Tür verriegelt hatten. Nur dort in der illustren Gesellschaft von Taschendieben, leichten Mädchen, Opiumrauchern und anderem Gesindel fühlte er sich sicher, wenn die Stürme des Lebens tobten. Er blieb, nachdem der Sturm sich gelegt hatte, noch drei Tage und drei Nächte. Wenn die Welt doch schon bald zu Ende ging, warum sollte er an den letzten Tagen sparen und alleine und obendrein nüchtern sterben? »Es gibt keine Hilfe!« Nein, nüchtern sollte es ihn nicht erwischen.
»Hoppla, Donnerwetter, das ist ein Ding!« Der Sturm habe dreizehn chinesische Schulkinder in der Nähe der Oase Hami in die Luft gerissen und sie 18 Kilometer weit getragen, wo sie unverletzt in eine Sanddüne gefallen seien. War schon ein Teufelswind gewesen, wie er sich um die Kaschemme im Kreis gedreht und gejammert hatte, als habe er Durst und verlange Einlass, der Gelbe Wind ...
Der Wind bläst aus vollen Backen, im Jahre 7485 nach der Erschaffung der Welt. Ein kleines pausbäckiges Kerlchen mit Puttengesicht und nach hinten gezaustem Lockenhaar, wie er sie auf einer alten Landkarte der Langnasen gesehen hatte. »Die Nachrichten werden immer fantastischer. Oder habe ich die Zeichen verwechselt. Na, noch mal. Nein, stimmt schon ... Wird immer fantastischer unser Kommunismus. Endlich zeigt unsere Staatsmacht Fantasie ... und außerdem bringt sie etwas aus unserer Gegend, und nicht nur dümmliche Märchen wie früher: Der Große Vorsitzende Mao Tse-tung schwimmt durch den Jangtsekiang, oder weiß der Teufel, durch welche Gewässer. Er hätte ja mal zu Fuß nach Hami kommen können, oder mit dem Bus. Hihi. Das wäre was gewesen ... Seine Witwe und ihre Bande, Vorsicht mit solchen Ausdrücken, die kommen nun sicher nicht mehr ... kann man sicher sein, dass die nicht wiederkommen, eines Tages. Vorsicht, die Schlangen haben ihre Ohren überall ... Eines Tages werden auch die Nachfolger der Viererbande abgewirtschaftet haben, und dann kommt die nächste, na ja, bis dahin unterhalten wir uns mit kindischen Geschichten. Gleich dreizehn Kinder, fast ein Mückenschwarm ... es gibt ja jede Menge Kinder bei den Wilden, kein Wunder ... und wahrscheinlich total unterernährt, wenn die so gut fliegen. Ein Kind in der Erdumlaufbahn wäre schon eine Sensation, eine Weltsensation, der Sieg des Sozialismus über die Schwerkraft, aber gleich dreizehn. Auch nicht gerade eine Glückszahl! Und immer und überall diese Übertreibungen. Damit zerstören die Roten alles. Der Sieg des Sozialismus in Hami, am Ende der Welt: Dreizehn Kinder fliegen. Ha, natürlich im sozialistischen China. Und wenn es keine chinesischen Kinder waren, sondern wieder diese Uiguren oder Mongolen, die sich an keine Familienpolitik halten? Auch egal, denn im neuen China gibt es keine Klassen und auch keine Rassenunterschiede, sondern nur fliegende Werktätige zu Ehren der Partei. Keine fliegenden Uiguren oder flatternden Mongolen, Barbarenbastarde lautlos wie die Fledermäuse ... Na, so weit sind wir noch nicht, aber die Kinder fliegen schon in die Schule, nicht von der Schule. Im Neuen China. Und nicht in grauer Vorzeit, sondern jetzt.« Er warf einen Blick auf den westlichen Kalender, um den man ihn, nicht der nackten Mädchen, sondern der chromblitzenden Automobile wegen, beneidete, und konnte sich nicht erinnern, wann er ihn so schief aufgehängt hatte. Konnten die Kindchen nicht gleich auf dem Mond landen, wenn sie schon einen solchen Höhenflug hatten? Doch wieder nur halbe Sachen. Sicher hatte der Klassenfeind seine Finger im Spiel gehabt, hatte sie am Rockzipfel gepackt und in die Sanddüne geschnickt, wie Fliegen.

Die dreizehn Drachenkinder waren sich schnell einig. Mit dem Buch war nichts anzufangen. Die Eltern verstanden es nicht, der Lehrer konnte es auch nicht entziffern. Notfalls hätte man es teilen, in dreizehn Teile zerreißen können. Wozu aber ein Dreizehntel Nichts? Zum Feueranzünden? Vielleicht ließ es sich auf dem Basar losschlagen. Auch wenn sie es nur als Altpapier verhökerten, sprängen mit etwas Glück ein paar kleine Münzen für eiskalte Melonen heraus. Gesagt, getan. Die Kinderschar eilte auf den Marktplatz und fahndete nach einem Käufer.

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Wie es weitergeht

Mao Tse-Tung ist noch nicht lange tot, als der Budapester Fischkundler Zoltan Kmetty auf dem Basar von Hami, in der Provinz Singkiang, ein Buch mit handschriftlichen Aufzeichnungen aufgedrängt bekommt. Unter den Motto » Surinam, Singkiang, Simsalabim« hatte sich der Ungar auf die Flucht vor seinen Gläubigern gemacht. Sie endet an der mongolisch-chinesischen Grenze. Die chinesischen Behörden wollen ihn abschieben und ein angeblicher Student wird beauftragt, den Fremden nach Peking zu bringen. Sicher ein Geheimagent, denkt Kmetty. Unterwegs wird ihm der Polizist immer sympathischer, besonders als er an einer unbedeutenden Bahnstation, kurz vor Peking, die Richtung ihrer Reise ändert. Sie reisen nach Westen. Ohne zu wissen, was sein Aufpasser im Sinn hat, folgt Kmetty ihm durch eine unbegreifliche Welt, wie ein lächerlicher Hanswurst in einer Pekingoper.

... Die Lederschwarte entpuppt sich unterwegs als die Autobiographie eines Deutschen, der im 18. Jahrhundert an die Wolga gereist war, um die buddhistischen Kalmücken zum Christentum zu bekehren, nach kurzer Zeit aber in den Bann der Fremden gerät. Schuld daran trägt eine Frau. Weder die Familie des Mädchens noch die Missionare wollen diese Liebesaffäre tolerieren. Alles hat sich gegen ihn verschworen ...

Karlheinz Schweitzer wurde 1954 in Ober-Mörlen in der Wetterau geboren. 
Er studierte Angewandte Sprachwissenschaft in Germersheim, später Völkerkunde, Kulturanthropologie, Turkologie, Slawistik und Osteuropäische Geschichte in Frankfurt am Main. 2003 zog er in seine Wahlheimat Ungarn und lebt als Schriftsteller, Fotograf und Übersetzer unweit von Budapest auf dem Lande. Schweitzer übersetzt ungarische Poesie und Prosa. Seine Novellen und feuilletonistische Artikel erschienen in deutschsprachigen Wochenblättern Ungarns. Johann Jährig ist sein erster Roman.

463 S. HC

9783939337560

 

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