Paul Schuster, Fünf Liter Zuika Zweiter Band Das Ansehen

 

Der siebenbürgische Schriftsteller Paul Schuster

Der Aachener Rimbaud-Verlag, der sich unter anderem durch sein besonderes Interesse an den am Rande der Habsburger Doppelmonarchie entstandenen deutschsprachigen Literaturen auszeichnet, gibt seit Jahren die umfangreiche und sorgfältig edierte Reihe «Texte aus der Bukowina» heraus, wovon insbesondere die Erinnerungen des im Schwarzwald lebenden 99-jährigen Bukowina-Dichters Moses Rosenkranz als eine wirkliche Entdeckung gefeiert wurden (vgl. NZZ vom 2. 6. 01). Mit dem rumäniendeutschen Autor Paul Schuster bewegt sich der Verlag erneut auf diesem Terrain, wobei es diesmal nicht um die Bukowina, sondern um Siebenbürgen geht und auch keinen von bürgerlicher Bildung und romantischer Poesie, von der Sprache Goethes und Hofmannsthals berückten Juden, sondern einen durchaus bodenständigen Sachsen betrifft. Paul Schuster wurde 1930, zwölf Jahre nach dem Zerfall des Imperiums, geboren. Seine Prosa jedoch blickt forschend, verstehend, lachend, trauernd und keinesfalls verniedlichend zurück. Schusters Sprache ist von der osteuropäischen Vielvölkerwelt geprägt. Er hat keine «Heimat-Literatur» verfasst, sondern eine Literatur über die in der Vergangenheit versunkene Heimat. Schusters Protagonisten sind Siebenbürgensachsen, eine auf ihre achthundertjährige Tradition stolze evangelische Bauerngemeinde und aus dieser Gemeinde stammende Kleinbeamte und Handwerker im benachbarten Hermannstadt. Alle drei Erzählungen des Bandes «Huftritt» spielen entweder knapp vor dem Ersten Weltkrieg oder kurz danach. Als Untertanen des ungarischen Königs und österreichischen Kaisers waren die Sachsen eine privilegierte, im Unterschied zu den Banatschwaben sich selbst verwaltende Volksgruppe, die ihre Sprache, ihre Sitten und Gesetze bewahren durfte. Nach dem Weltkrieg ändert sich alles, der Herrscher heisst nun König Ferdinand. Die rumänischen Nachbarn, die in der Doppelmonarchie keine bevorzugte Stellung genossen hatten und von den Sachsen noch gestern herablassend betrachtet worden waren, haben jetzt das Sagen; man ist gezwungen, die unverständliche rumänische Sprache zu erlernen, unbegreiflichen rumänischen Gesetzen zu gehorchen. Trotzdem scheint das Leben immer noch stabil zu sein. Die Sachsen in Schusters Buch ahnen nicht, dass ihrer Welt nur noch wenige Jahrzehnte bevorstehen. So beschliesst in der Erzählung «Heilige Cäcilia» eine Dorfversammlung ungeachtet der schwierigen Nachkriegslage, ihre alte Orgel reparieren zu lassen, damit das kostbare Besitzstück auch für einige weitere Jahrhunderte dem Dorf erhalten bleibe. Und es beginnt eine wunderbare Liebesgeschichte – dass sie tragisch endet, verrät der Autor bereits auf der ersten Seite, damit die überflüssige Spannung den kunstvollen Wortstrom nicht weiter störe: Das Dorfmädchen Ada, das schöne sechzehnjährige Kind eines der wohlhabendsten Gemeindemitglieder, des Kurators Törner, verliebt sich in den Orgelmeister, in die Orgel, in die Musik, in all diese Pfeifen und Röhren, in den Gedanken, «dass das alles in ihrem Kopf Platz hat, dass sie, ein einfaches Mädchen vom Land, noch nicht einmal siebzehn, das alles behalten kann und genau verstehen». In einem gemächlich verschmitzten Tonfall, in dem das Wissen des Autors über die Zukunft wohl präsent, aber kunstvoll versteckt ist, schafft Schuster eine Welt, die fabelhaft und mythisch anmutet. «Huftritt» und «Treu und Redlichkeit», die beiden anderen Erzählungen des Bandes, bilden ähnlich funkelnde Splitter dieser Welt. Die zwei im Rimbaud-Verlag erschienenen schmalen Bücher – der kurze Roman «Fünf Liter Zuika» (2002) und nun der Erzählband «Huftritt» – sind durch gemeinsame Motive und korrespondierende Sprachrhythmen vereint, sie ergänzen einander und bekommen auf diese Weise Züge einer kleinen Epopöe. Ob eine richtige Epopöe eines gesonderten Siebenbürgen-Universums entsteht, wird man sehen: Auf jeden Fall verspricht der Verlag die Fortsetzung von «Fünf Liter Zuika», an welcher der seit 1972 in Berlin lebende Autor arbeitet. Bevor Paul Schuster nach Deutschland übersiedelte, war er bereits in Rumänien ein bekannter deutschsprachiger Schriftsteller (freilich besassen nicht alle seiner damaligen Bücher dieselbe literarische Qualität; so deutet das 1964 im Bukarester Literatur-Verlag erschienene «Alte Sachen. Neue Brillen» zwar auf seine spätere Prosa hin, muss allerdings stellenweise als Anschauungsmaterial für den klassischen Sozrealismus dienen) und Herausgeber der Zeitschrift «Neue Literatur», in der viele heute berühmte rumäniendeutsche Autoren entdeckt und publiziert wurden. Sein Roman «Fünf Liter Zuika» fand immer wieder begeisterte Verleger: 1967 wurde er in Bukarest, 1968 im Grazer Styria-Verlag und 1975 in der Berliner «edition der 2» veröffentlicht. Sicher war es die zweifellos exzellente Qualität dieser Prosa, die den Rimbaud-Verlag nicht nur zu einem vierten Versuch bewog, «Fünf Liter Zuika» durchzusetzen, sondern auch zur Aufnahme Paul Schusters als Autor. «Huftritt» ist die erste Frucht dieses Engagements – bleibt zu hoffen, dass ihr weitere folgen werden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels. 

Kurzbeschreibung
Wie übersteht ein siebenbürgischer Bauernhof den Frieden von Trianon und den Rutsch aus dem Abendland in den Balkan? Wie Martin Luthers Feste Burg und Hitlers tausendjähriges Reich? Wie die Deportation nach Rußland und wie Stalin, den weisen Lehrmeister aller Völker, wie schließlich 1967 den Händedruck von Ceausescu und Willy Brandt? Und wie die späte Rückkehr in das Land, aus dem die Vorfahren vor 850 Jahren ausgewandert sind? Paul Schuster hat aufgeschrieben, was der Ortsgeist von Kleinsommersberg ihm diktiert hat. 

252 S. SC

 

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